Bildkomposition intuitiv

Für die Bildkomposition gibt es verschiedene Regeln, z.B. die sog. Drittel-Regel oder die Vermeidung falscher Tangenten usw. Aber mit der Kamera in der Hand und dem Finger auf dem Auslöser geht sicher kaum jemand alle möglichen Regeln durch, bevor er oder sie das Foto schießt. Die Gefahr wäre auch, dass, wenn alle immer alle Regeln befolgen würden, schlussendlich alle Bilder gleich aussähen.

Vielmehr ist es zwar gut, die Regeln irgendwo im Hinterkopf zu haben, aber dennoch intuitiv zu fotografieren. Dazu gehört zunächst, dass man sich nicht ausschließlich von dem Element bestimmen lässt, das einen zuerst angezogen hat, um das Foto zu machen, sondern alles einzubeziehen, was man sieht. Als Nächstes wäre zu empfehlen, die Augen einmal zusammenzukneifen, also zu blinzeln. Was sticht jetzt noch an Elementen hervor, was drängt sich im Blickfeld auf? Diese Dinge werden auch auf dem Foto zu sehen sein und vielleicht sogar mit meinem Hauptelement konkurrieren. Müsste ich daher meine Komposition anpassen, z.B. den Ausschnitt anders wählen, näher herangehen, den Betrachtungswinkel ändern?

Der Blinzel-Effekt kann zumindest bei ruhenden Motiven hilfreich sein. Wenn es um schnelle Bewegungen geht, sieht die Sache vielleicht schon wieder anders aus. Und manchmal kann man auch im Nachgang durch Beschneiden des Fotos Dinge korrigieren, die man am Anfang übersehen hat, oder wie im Foto unten, es die Brennweite nicht zuließ, dichter heranzukommen.

Canon R5, 1/20 sek., f/32, 200 mm, ISO 100 (Bildausschnitt)

Wolkenkuckucksheim

Bei aller Schönheit und allen interessanten Motiven, die man beim Spaziergang, Ausflug oder auf einer Dienstreise findet, lohnt sich doch auch gelegentlich der Blick nach oben. Je nach Wetter beschert uns der Himmel mitunter dramatische, beeindruckende Phänomene aus gasförmigem Wasser, die wir Wolken nennen.

Dieser wechselnde Aggregatzustand des Wassers ist schon ein Wunder an sich, denn vor kurzem noch drohte das Restwasser in gefrorenem Zustand meine Regentonne zu sprengen, jetzt hingegen schwebt es federleicht am Himmel oder wirft mit Graupelkörnern nach mir. Kurz: Es lohnt sich, auch die Wolken mit in den Fokus zu nehmen, wobei es oft nützlich ist, auch den Vordergrund mit einzubeziehen, entweder als weite Fläche wie in dem Foto oben (St. Peter Ording) oder auch Bäume, Berge, Häuser, die helfen die gewaltigen Himmelsdimensionen zu illustrieren. Viel Spaß also beim Blick nach oben!

Die Masse macht’s

So schön es ist, sich bei einem Foto auf ein Element zu konzentrieren, das die volle Aufmerksamkeit verdient, kann auch gerade das Gegenteil reizvoll sein. Viele Motive bieten sich dafür an. Es kann die mit Blüten übersäte Frühlingswiese sein, aber auch die dichtstehenden Windräder oder der auffliegende Schwarm von Weißwangengänsen, wie in den beiden Fotos unten zu sehen. Man muss es nur schaffen, das Ganze einigermaßen einzufangen, denn auch hier gilt: unser menschliches Auge ist durch die Zusammenarbeit mit dem Gehirn in der Lage, das Bild viel umfänglicher zu erfassen als die Linse unserer Kamera. Darum sind wir manchmal enttäuscht, wenn wir Fotos von Situationen anschauen, die wir miterlebt und ganz anders in Erinnerung hatten.

Insofern ist es gerade bei solchen Motiven wichtig, wenigstens ab und zu einen Kontrollblick auf das Display zu werfen, um zu sehen, ob wir mit dem Foto unserer subjektiven Wahrnehmung wenigstens einigermaßen nahekommen.

Auf den Standpunkt kommt es an

Was man im Englischen mit POV abkürzt und für „Point of View“ steht, passt gut zu einem Merksatz des amerikanischen Fotopioniers Ansel Adams, der meinte: „Ein gutes Foto heißt wissen, wo man stehen soll.“ Genau. Es geht um den Standpunkt, dieses Mal nicht um den ethischen, moralischen oder weltanschauungsmäßigen, sondern den rein physikalischen beim Fotografieren.

Die Empfehlung lautet, bei der Fotopirsch nicht nur einen Standpunkt einzunehmen – nämlich den, der einem zuerst in den Sinn kommt –, sondern durchaus (wenn möglich) sich ein wenig Zeit zu nehmen und das entdeckte Motiv aus verschiedenen Blickwinkeln abzulichten. Das zeigt das Wort „Perspektivwechsel“ seine wörtliche Bedeutung. Die Ansicht, dass ein guter Fotograf auf den ersten Blick sieht, wie man ein Motiv am besten einfängt, ist irrig und macht unnötig Druck.

Der Vorteil digitaler Fotografie ist, dass man unbeschadet mehrere Fotos machen kann, ohne an Film- und Entwicklungskosten zu denken, wie das früher der Fall war, als es pro Film nur 36 Bilder gab. Oft genug kann man erst zu Hause am Bildschirm entscheiden, welche der verschiedenen Kamerapositionen die beste Wahl war.

Bei einem Waldspaziergang stieß ich auf eine alte Holzbank, die kaum noch jemand benutzen kann, nicht nur wegen der Dornen, die den Weg versperrten, sondern auch wegen ihrer augenscheinlichen Gebrechlichkeit. Hier sind vier „Standpunkte“, von denen aus ich versucht habe, die Bank abzubilden. Welches Bild ist mein Favorit? (Es muss nicht unbedingt das größte sein…)

Oder wie wäre es mit diesem Feld voller Klatschmohn?

Bildgestaltung: Farben

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen – Fotos und Farbe. Und doch ist es nicht unbedingt für jeden offenkundig, dass auch das Thema „Farben“ zur aktiven Bildgestaltung gehört. Das kann sowohl die Zusammenstellung zueinander passender Farben sein als auch die bewusste Entscheidung für eine Farbwahl überhaupt.

Farben lösen bei Menschen Emotionen aus. Helle Farben ziehen den Blick an, rufen nach Aufmerksamkeit. Aber auch gedeckte Farben rufen Reaktionen hervor und können selbst in der quasi „Abwesenheit“ von Farbe – monochrom – eine starke Aussage treffen.

Farben werden nicht nur durch das fotografierte Objekt einfach in die Komposition eingebracht, sondern können vom Fotografen beeinflusst werden, z.B. durch die Entscheidung, um welche Uhrzeit im Freien fotografiert wird, wie man den Weißabgleich setzt oder welchen Bildstil man wählt.

Nachstehend einige Beispiele für Farbaussagen in Fotos (alle (c) mm).

Bildgestaltung: Rahmen füllen

Wenn der Bildbetrachter mit zu vielen Details auf einem Foto zu kämpfen hat, wird keine klare Aussage übermittelt – es sei denn, es ist Absicht wie bei einem Wimmelbild, wo gezielt eine Masse von Informationen einbezogen wird, um die Fülle zu demonstrieren oder Freude am Suchen auszulösen.

Eine Möglichkeit für eine klare Bildaussage ist, den Bildrahmen mit dem Motiv vollständig zu füllen. Dafür muss man entweder nah herangehen oder eine lange Brennweite nutzen (siehe Beispiel unten). Auch wenn Randbereiche des Motivs interessant wären – man muss sich auf einen Kern beschränken. Gerade das macht die Stärke dieser Art Bildgestaltung aus. Und wenn es einem nicht schon beim Fotografieren in den Sinn gekommen ist, dann kann man in der Nachbearbeitung mit der Auswahl eines Bildausschnittes doch noch zum Ziel kommen, vorausgesetzt, die Schärfe stimmt und die Auflösung ist hoch genug.

Freilaufender Hahn Nähe Kronenloch Meldorf | Canon EOS R5, 1/500 sek, f/11, 800mm, ISO 640, Bildausschnitt (Foto: mm)

Bildgestaltung: Formen (shapes)

Geometrische Formen kennen wir von Kindesbeinen an. Sehr bald lernen wir, einen Kreis von einem Viereck, ein Dreieck von einem Quadrat zu unterscheiden. Dann kommt das Ganze noch in 3D dazu, also eine Kugel ist etwas anderes als ein Würfel. Klar.

Vielleicht ist dieses frühe Wissen auch der Grund, warum uns solche Formen immer noch ansprechen und unser Interesse auf sich lenken. Jedenfalls findert das wache Fotografenauge – besonders in dieser Zeit – immer wieder geeignete Gelegenheiten, sich bei der Bildgestaltung auf solche Formen zu beziehen.

Dabei ist besonders das Fotografieren von Kugeln am Weihnachtsbaum tückisch, weil die Kugeln nun mal Eigenschaften haben, die denen von Fischaugen-Linsen ähneln, d.h. einen weiten Horizont haben. Und da die (ungeschriebene) Regel gilt, dass der Fotograf möglichst nicht auf seinem Foto zu sehen sein soll, wird das bei einer Kugel eine echte Herausforderung, wie auch mein Beispiel zeigt.

Weihnachtskugel als Beispiel für eine runde Form als Attraktion. Wo ist der Fotograf? (Foto: mm)

Um sich interessante Formen nutzbar zu machen, lohnt es sich auch bei diesem Aspekt der Bildgestaltung, die Perspektive zu wechseln und den normalen Alltagsblickwinkel zu verlassen, wie das nachstehende Foto zeigt.

Neue Perspektive, sogar mit plattem Reifen (Foto: mm)

Dass dieses Bild in schwarz-weiß angeboten wird, hebt die Form an dieser Stelle hervor, weil Ablenkungen durch Farbelemente unterbunden werden. Dass der Reifen platt ist, sieht mancher erst auf den zweiten Blick. Schadet oder hilft das dem Foto?

Bildgestaltung: Linien und Kurven (Lines and Curves)

Brooklynbridge
Blick von der Brooklyn-Bridge zur Manhattan-Bridge

Ein weiteres Element, das Bilder gestalten hilft, sind Linien und ihre „Abkömmlinge“, die Kurven . Im Beispiel oben sind es die Verspannungen an der Brooklyn-Bridge und das Tragegerüst für die Autostraße, die unter dem Fußgängerweg über das Wasser führt. In diesem Beispiel sind es einfach übereinandergelegte Linien, die den Blick auf sich ziehen.

Hier sprechen die Linien als Designelement des Tunnels eine deutliche Sprache und weisen dem Betrachter den Weg für seinen Blick.

Brooklyn-Bridge

In diesem Foto sind Linien und Kurven kombiniert und leiten den Blick des Betrachters. Wenn man also mit der Kamera unterwegs ist, lohnt immer auch, das Augenmerk auf vorhandene Linien und Bögen zu legen, weil sie von sich aus dem Bild ganz natürlich Struktur geben. Mit einem kleinen Schritt nach links wäre auch noch Symmetrie bei diesem Bild gelungen.

Jahreszeiten: Der Herbst

Jede Jahreszeit hat ihre eigene Schönheit, so auch der Herbst. Hier sind einige Tipps, auf die man bei Herbstfotos achten könnte.

  1. Farben – das ist logisch, nicht wahr? Der Herbst wartet mit besonders satten Farben auf, die in der Sonne leuchten können oder besonders intensiv werden. Nutzen wir das satte Farbenspiel.
  2. Raum lassen – das ist zwar gerade bei dem Foto oben anders gelöst, kann aber den Charme eines Herbstfotos definitiv erhöhen. Ein einzelnes Blatt gegen den blauen Himmel sagt mehr aus als ein ganzer Ast voller Blätter.
  3. Mal ohne Bäume – es müssen nicht immer Bäume sein. Es kann auch eine blätterübersäte Wiese sein, der Morgennebel, von einem Zaun durchbrochen…
  4. Details – so wie oben die Blattadern, ein sonnendurchleuchtetes Blatt, das auf der Wiese steht, ein Pilz von unten (wie gut, wenn man ein Klappdisplay hat, so dass man nicht auf dem Bauch liegen muss)
  5. Lichtfarbe beachten – gilt im Herbst vielleicht noch mehr als zu anderen Jahreszeiten. Der warme Ton eines Spätnachmittags ist etwas völlig anderes als ein kühler Morgenhauch über der Pferdekoppel.
  6. Gegenlicht – da die Sonne in dieser Jahreszeit eher tief steht, haben wir es besonders viel mit Gegenlichtsituationen zu tun. Die sind reizvoll, führen aber den kamerainternen Belichtungsmesser leicht in die Irre, darum die Belichtungskorrektur gern ein bis zwei Werte höher stellen
  7. Polfilter – da der Herbst auch eine feuchte Jahreszeit ist, bilden sich oft auf Blättern und anderen Flächen Reflektionen, die ein ansonsten schönes Foto ruinieren können. Ein Polfilter schafft Abhilfe, weil er Reflektionen beseitigt, wenn man ihn in die richtige Position dreht.
  8. Üben – ja, es braucht Zeit, um zu einem guten Foto zu kommen. Ein guter Eindruck, den man draußen hatte, muss nicht unbedingt ein gutes Foto ergeben, wenn man es zu Hause in der Bildbearbeitung anschaut. Darum die Empfehlung: Immer wieder mit der Kamera losziehen und verschiedenen Einstellungen ausprobieren, sowohl, was die Bildkomposition, das Licht und die technischen Einstellungen an der Kamera angeht.

Der Herbst ist ein farbenfrohes Geschenk des Schöpfers – genießen wir es!

Bildgestaltung: Formen und Muster (Shapes and Pattern)

Manchmal springen sie einem ins Auge, manchmal nicht sofort und manchmal kann man sie selber schaffen: Formen und Muster.

Manchmal muss man, wie beim nebenstehenden Bild, eine Weile hinschauen, um zu erkennen, was da eigentlich gezeigt wird (Die Halma-Männchen sind mit einer Aussage angeordnet. Schon gefunden, welche?). Es ist jedenfalls kein Sehtest, um die Tauglichkeitsprüfung für die Fahrschule zu bestehen.

Dass man bei einem Bild eine Weile hinschauen muss, ist kein Makel, sondern eher ein Vorteil. Wenn das Bild den Betrachter „hineinzieht“ und zum Verweilen bringt, spricht das für das Bild. Beispiele für wiederkehrende Muster oder anregende Formen gibt es sehr viele.

Wenn es nicht ein selbstgeschaffenes Muster ist wie im oben gezeigten Bild, könnte zum Beispiel ein veränderter Standpunkt (von oben, von unten – jedenfalls nicht die „normale“ Alltagsperspektive) die besondere Form eines Gegenstandes zutage fördern. Gehen wir mit wachen Augen durch unsere Welt und achten auf einfache Formen und wiederkehrende Muster. Wenn sie unsere Aufmerksamkeit erregen, tun sie das vielleicht auch bei anderen Menschen, die unser Foto sehen.