Mal ein bisschen verrückt?

Es muss nicht immer das akkurate Foto sein, das die Wirklichkeit möglichst realistisch wiedergibt. Im Gegenteil: Gerade in der Verfremdung liegt ein gewisser Reiz. Die Abstraktion von der Wirklichkeit kann Aspekte hervorheben oder auf Dinge hinweisen, die man sonst nicht wahrnimmt. Außerdem fördert es die Kreativität, wenn man sich der Umgebung einmal mit ganz anderen Augen zuwendet. Es gibt verschieden bewährte Methoden, um die Dinge einmal ein wenig anders anzugehen.

Methode 1: Den Kontext ausblenden. Schon dadurch, dass man bei einem Bild nicht den Kontext erkennen kann, steht man mitunter buchstäblich vor einem Rätsel: Gerade das kann ein Foto interessant machen.

Sind das lauter brennende Kerzen in einem Regal? Der Wagen der Servicekraft unten rechts verrät es: Es ist die Innenansicht eine Hotels. (Foto: mm / Canon EOS 7D, EF-S-17-55, 1/15 sek, f/2.8, ISO 800)

Methode 2: Bis in die Makroebene vordringen. Dadurch, dass man an Fotoobjekte so nah herangeht, dass man nicht mehr das Gesamte erkennt, dafür aber Strukturen, die üblicherweise mit dem bloßen Auge nicht sieht, bekommt ein Foto eine besondere Note. Das Bild lässt den Betrachter überlegen, womit er es hier zu tun hat. Jedes Foto, das zum Nachsinnen führt, ist gelungen.

Würmer auf dem Meeresgrund? Nein, es sind die Fransen eines Badvorlegers!
(Foto: mm / Canon 5D Mark IV, Tamron SP 45 mm f/1.8 DI VC USD, 1/200 sek., /f/2.8, ISO 800)

Methode 3: Bewegung einfrieren. Dabei geht es nicht um eine kurze Verschlusszeit, um eine schnelle Bewegung einzufrieren, sondern entweder um eine lange Verschlusszeit, so dass ein verwischtes Foto zu einer abstrakten Darstellung führt. Oder andersherum: Der Effekt lässt sich auch erreichen, wenn es gar keine Bewegung seitens des Fotoobjektes gibt, sondern der Fotograf bei stehendem Objekt seine Kamera entsprechend schwenkt.

Hier diente die Berliner U-Bahn als Hilfsmittel für eine verwischte, eingefangenen Bewegung mit farblichem Kontrast. (Foto: mm / Canon EOS 5D Mark IV, EF24-70mm f4L IS USM, 1/5 sek./ f 4.0, ISO 100)

Methode 4: Durch etwas wie ein Filter hindurch fotografieren. Natürlich kann man mit Foto-Bearbeitungssoftware alles Mögliche mit Fotos bewerkstelligen. Programme wie Photoshop, Gimp oder ACDSee kommen schon von Hause aus mit entsprechenden Filtern, um Fotos bearbeiten bzw. verfremden zu können. Auch bei sozialen Medien wie Instagram werden Filter zur Verfremdung von Fotos angeboten. Uns geht es hier aber um das rein fotografische Element. Das würde bei dieser Methode bedeuten, dass man durch etwas hindurch fotografiert, das das Foto im Vergleich zur Wirklichkeit von Anfang an verändert oder Aspekte zutage bringt, die man sonst nicht so leicht sieht. Man könnte z.B. durch eine Sonnenbrille hindurch fotografieren oder eine verregnete Fensterscheibe, eine halbdurchlässige farbige Folie, die Scheibe einer Mikrowelle usw.

Stille Unterwasserwelt mit Muschel? Es ist ganz schlicht ein farbiger Bleistiftspitzer mit etwas Inhalt.
(Foto:mm / Canon EOS R5, EF 100mm f/2.8L IS USM, 2,5 sek, f/11, ISO 400)

Methode 5: Reflektionen nutzen.

Die Spiegelung des Himmels auf einer kaum bewegten Wasseroberfläche oder Gebäudeteile in den Glasplatten der Fassade eines Hochhauses bieten mitunter interessante Verfremdungen der Wirklichkeit. Manchmal sind die Spiegelungen eine fast komplette Wiedergabe des Objektes, aber manchmal braucht es auch etwas Fantasie, um dahinterzukommen, was das Original wohl war, das sich auf dem Foto nur als Reflektion von etwas anderem findet. Empfehlung: Einfach mal die verschiedenen Methoden ausprobieren!

(Foto: mm / Canon EOS R5, RF 70-200mm2.8L IS USM, 1/400 sek, f/9.0, ISO 125)