Perspektivwechsel

Luftaufnahme
Anflug auf Amsterdam, Foto: M. Müller | iphone SE, 2. Gen., 1/1250 sek., f 1.8, ISO 20

Eine der bekanntesten Strategien, um Fotos interessant zu machen, ist der Perspektivwechsel. Gemeint ist damit, dass man als Fotograf den normalen, alltäglichen Blickwinkel eines Erwachsenen auf die Umwelt aus der Höhe von rund 1,70m verlässt und bewusst eine andere Höhe – weiter oben oder weiter unten – einnimmt. Übliche Begriffe sind „Frosch- oder Vogel-Perspektive“.

Man kann es auch anders deuten: Wie sieht ein Kind die Welt? Wie sehen die Dinge aus dem Blickwinkel eines Hundes aus? (Foto siehe unten) Mit technischen Hilfsmitteln, wie z.B. einer Drohne, kann man die Perspektive eines Vogels einnehmen. Bei einem Flug mit einer Passagiermaschine kann man zu einem ähnlichen Ergebnis kommen (siehe Foto oben), vorausgesetzt, man hat einen Fensterplatz und das Fenster ist einigermaßen sauber und arm an Kratzern, was leider, wie auch bei Fensterscheiben der Bahn, nicht immer der Fall ist.

Unter dem Strich bedeutet es für die Fotografierpraxis, bewusst andere, ungewohnte Perspektiven mit in sein „Portfolio“ aufzunehmen und wenn man Gelegenheit hat, auch die Verkehrsmittel zu nutzen, um zu ungewohnten Fotos zu kommen. Alles, was vom „normalen“ Rahmen abweicht, interessiert uns Menschen und lädt zum Nachdenken ein.

Fuß des Gateway Arch
Der berühmte Gateway Arch, Wahrzeichen von St. Louis, MO, USA, Foto: M. Müller |
Canon EOS R5., 1/1000 sek., f /7.1, ISO 100, EF 24-70mm, f/4 L IS USM, 24mm

Zur Größeneinordnung kann dieses Foto dienen, das einen „Fuß“ des Bogens mit Menschen davor zeigt, im Hintergrund der Mississippi.

Ein „Fußende“ des Gateway Arch in St. Louis, MO, USA, mit dem Mississippi im Hintergrund, Foto: M. Müller | Canon EOS R5, 1/800 sek., f/7.1, ISO 100, EF 24-70mm, f/4 L IS USM, 24mm

Fotografieren und psychische Gesundheit

Das ist vielleicht ein überraschender Aspekt des Fotografierens, den man bei all den Einstellungen an der Kamera, der Wahl der richtigen Linse oder der Blitzeinstellungen gar nicht auf dem Schirm hat. Der ehemalige Reuters-Fotograf und Bildredakteur der „Times“, Paul Sanders, hat sich neulich in einem Interview mit „Digital Camera World“ dazu geäußert. Nachstehend greife ich einige Gedanken von ihm auf.

Wolkentürme über Marne, SH, (iPhone SE, 2nd Generation, Back Camera)

Sanders verweist besonders auf eine achtsame Herangehensweise an das Fotografieren. Um zum Beispiel gute Landschaftsfotografien zu machen, braucht es ein gewisses Maß an Ruhe. Der schnelle Schnappschuss tut es nicht. Man muss sich die Zeit lassen, wirklich an dem Ort, um den es geht, innerlich anzukommen. Im Grund muss man sich selbst erlauben, innezuhalten. Paul Sanders: „Es geht darum, jeden einzelnen Sinn, den man hat, zuzulassen und präsent zu sein. Dabei geht es nicht um die Kamera. Es geht auch nicht um die Ausrüstung, die man benutzt. Es geht am Anfang nicht einmal um die Komposition. Es geht darum, sich zu erlauben, einfach an einem Ort zu sitzen oder zu stehen, den Wind zu spüren, das Gras oder die Blätter oder das Meer zu riechen, die Beschaffenheit des Bodens zu fühlen.“

Man nimmt, so Sanders sinngemäß, die Fotos einfach nur für sich auf, um sich mit dem auszudrücken, was man empfunden hat, nicht mit dem Gedanken: Was werden die anderen sagen? Oder: Was kann ich mit dem Foto erreichen? Weiter schildert er: „Es geht um all diese Dinge, die das Bewusstsein schärfen, und durch die Schärfung des Bewusstseins beginnt man, die Landschaft auf eine Weise zu sehen, die sie zu mehr als nur einem schönen Bild macht.“ Und das gilt nicht nur für Landschaften. Auch in geschäftigen Städten gilt das gleiche Prinzip: Erst mal ankommen, die Stadt gewissermaßen „einatmen“, sie mit allen Sinnen wahrnehmen, und dann erst im fotografischen Sinn „aufnehmen“.

Weil man auf diese Weise, wenn man sich einmal die Zeit nimmt, ganz anders mit sich und seiner Umwelt in Kontakt kommt, kann Stress abfallen und man kann anfangen, sich auf seine ganz eigene, persönliche Weise auszudrücken – per Foto. Dann wird Fotografie, wie viele andere kreative Künste auch, ein Beitrag zur psychischen Gesundheit.

Durch dieses fast meditative Ankommen an einem Ort spüren wir vielleicht auch stärker, dass wir Menschen nur ein Teil der Schöpfung sind, in die wir uns einbetten können. Jeder hat sicher schon erlebt, dass die Seele aufatmet, wenn wir im Freien frische Luft atmen, gewaltige, von der Abendsonne beleuchtete Wolkenberge sehen und die ganz eigenen Geräusche der Natur wahrnehmen. Wir sind geschaffen, betten uns ein in unser Schöpfungs-Zuhause auf dieser Welt, und wer kann, richtet einen dankbaren Blick „nach oben“. Auch das ist ein Beitrag zu psychischer Gesundheit.

Wolkenkuckucksheim

Bei aller Schönheit und allen interessanten Motiven, die man beim Spaziergang, Ausflug oder auf einer Dienstreise findet, lohnt sich doch auch gelegentlich der Blick nach oben. Je nach Wetter beschert uns der Himmel mitunter dramatische, beeindruckende Phänomene aus gasförmigem Wasser, die wir Wolken nennen.

Dieser wechselnde Aggregatzustand des Wassers ist schon ein Wunder an sich, denn vor kurzem noch drohte das Restwasser in gefrorenem Zustand meine Regentonne zu sprengen, jetzt hingegen schwebt es federleicht am Himmel oder wirft mit Graupelkörnern nach mir. Kurz: Es lohnt sich, auch die Wolken mit in den Fokus zu nehmen, wobei es oft nützlich ist, auch den Vordergrund mit einzubeziehen, entweder als weite Fläche wie in dem Foto oben (St. Peter Ording) oder auch Bäume, Berge, Häuser, die helfen die gewaltigen Himmelsdimensionen zu illustrieren. Viel Spaß also beim Blick nach oben!

Welches ist die beste Kamera?

Spiegelung vor Pellworm
Spiegelung vor Pellworm, Schleswig-Holstein | Canon EOS M50, 1/400 sek, f/ 8.0, ISO 100, EF-M 15-45, 16mm

In diesen Wochen ist zumindest in der „oberen“ Klasse von Kameras eine Art Revolution im Gange. Der von manchen als „schlafender Riese“ bezeichnete Hersteller Canon „wacht auf“ und hält seit Monaten mit Ankündigungen die interessierte Öffentlichkeit in Spannung. Jetzt tauchen erste Fotos und Videos mit den neuen spiegellosen Vollformatern von Canon auf. Prompt meldet sich Konkurrent Sony mit der lange erwarteten A7 SIII zurück, auch LEICA meldet eine neue Kamera usw.

Aber völlig egal, welche Abbildungsschärfe und welches Rauschverhalten die neuen Kameras haben – es bleibt bei der alten Regel: Die beste Kamera ist die, die man mit hat. Und da kommt es nicht in erster Linie auf die schnelle Bildfolge oder die Zoomleistung des Objektivs an, sondern schlichtweg auf das Vorhandensein. Ich kann von der schönsten Kamera träumen oder das Technikwunder sogar besitzen – solange ich sie nicht dabei habe, werde ich kein Foto machen können.

Und natürlich braucht es auch wenig Geschick, Gespür für den Moment, Verständnis für Bildgestaltung – selbst für Fotos mit dem Handy. Denn in gewissen Grenzen halten auch Handys mit „echten“ Kameras durchaus mit – zum Leidwesen der Kamerahersteller. Für uns als Anwender bleibt der einfache Appell: Mit wachen Augen durchs Leben gehen, die wertvollen fotografisch Momente festhalten und sich dran freuen.