Fotografieren und psychische Gesundheit

Das ist vielleicht ein überraschender Aspekt des Fotografierens, den man bei all den Einstellungen an der Kamera, der Wahl der richtigen Linse oder der Blitzeinstellungen gar nicht auf dem Schirm hat. Der ehemalige Reuters-Fotograf und Bildredakteur der „Times“, Paul Sanders, hat sich neulich in einem Interview mit „Digital Camera World“ dazu geäußert. Nachstehend greife ich einige Gedanken von ihm auf.

Wolkentürme über Marne, SH, (iPhone SE, 2nd Generation, Back Camera)

Sanders verweist besonders auf eine achtsame Herangehensweise an das Fotografieren. Um zum Beispiel gute Landschaftsfotografien zu machen, braucht es ein gewisses Maß an Ruhe. Der schnelle Schnappschuss tut es nicht. Man muss sich die Zeit lassen, wirklich an dem Ort, um den es geht, innerlich anzukommen. Im Grund muss man sich selbst erlauben, innezuhalten. Paul Sanders: „Es geht darum, jeden einzelnen Sinn, den man hat, zuzulassen und präsent zu sein. Dabei geht es nicht um die Kamera. Es geht auch nicht um die Ausrüstung, die man benutzt. Es geht am Anfang nicht einmal um die Komposition. Es geht darum, sich zu erlauben, einfach an einem Ort zu sitzen oder zu stehen, den Wind zu spüren, das Gras oder die Blätter oder das Meer zu riechen, die Beschaffenheit des Bodens zu fühlen.“

Man nimmt, so Sanders sinngemäß, die Fotos einfach nur für sich auf, um sich mit dem auszudrücken, was man empfunden hat, nicht mit dem Gedanken: Was werden die anderen sagen? Oder: Was kann ich mit dem Foto erreichen? Weiter schildert er: „Es geht um all diese Dinge, die das Bewusstsein schärfen, und durch die Schärfung des Bewusstseins beginnt man, die Landschaft auf eine Weise zu sehen, die sie zu mehr als nur einem schönen Bild macht.“ Und das gilt nicht nur für Landschaften. Auch in geschäftigen Städten gilt das gleiche Prinzip: Erst mal ankommen, die Stadt gewissermaßen „einatmen“, sie mit allen Sinnen wahrnehmen, und dann erst im fotografischen Sinn „aufnehmen“.

Weil man auf diese Weise, wenn man sich einmal die Zeit nimmt, ganz anders mit sich und seiner Umwelt in Kontakt kommt, kann Stress abfallen und man kann anfangen, sich auf seine ganz eigene, persönliche Weise auszudrücken – per Foto. Dann wird Fotografie, wie viele andere kreative Künste auch, ein Beitrag zur psychischen Gesundheit.

Durch dieses fast meditative Ankommen an einem Ort spüren wir vielleicht auch stärker, dass wir Menschen nur ein Teil der Schöpfung sind, in die wir uns einbetten können. Jeder hat sicher schon erlebt, dass die Seele aufatmet, wenn wir im Freien frische Luft atmen, gewaltige, von der Abendsonne beleuchtete Wolkenberge sehen und die ganz eigenen Geräusche der Natur wahrnehmen. Wir sind geschaffen, betten uns ein in unser Schöpfungs-Zuhause auf dieser Welt, und wer kann, richtet einen dankbaren Blick „nach oben“. Auch das ist ein Beitrag zu psychischer Gesundheit.

Mal ein bisschen verrückt?

Es muss nicht immer das akkurate Foto sein, das die Wirklichkeit möglichst realistisch wiedergibt. Im Gegenteil: Gerade in der Verfremdung liegt ein gewisser Reiz. Die Abstraktion von der Wirklichkeit kann Aspekte hervorheben oder auf Dinge hinweisen, die man sonst nicht wahrnimmt. Außerdem fördert es die Kreativität, wenn man sich der Umgebung einmal mit ganz anderen Augen zuwendet. Es gibt verschieden bewährte Methoden, um die Dinge einmal ein wenig anders anzugehen.

Methode 1: Den Kontext ausblenden. Schon dadurch, dass man bei einem Bild nicht den Kontext erkennen kann, steht man mitunter buchstäblich vor einem Rätsel: Gerade das kann ein Foto interessant machen.

Sind das lauter brennende Kerzen in einem Regal? Der Wagen der Servicekraft unten rechts verrät es: Es ist die Innenansicht eine Hotels. (Foto: mm / Canon EOS 7D, EF-S-17-55, 1/15 sek, f/2.8, ISO 800)

Methode 2: Bis in die Makroebene vordringen. Dadurch, dass man an Fotoobjekte so nah herangeht, dass man nicht mehr das Gesamte erkennt, dafür aber Strukturen, die üblicherweise mit dem bloßen Auge nicht sieht, bekommt ein Foto eine besondere Note. Das Bild lässt den Betrachter überlegen, womit er es hier zu tun hat. Jedes Foto, das zum Nachsinnen führt, ist gelungen.

Würmer auf dem Meeresgrund? Nein, es sind die Fransen eines Badvorlegers!
(Foto: mm / Canon 5D Mark IV, Tamron SP 45 mm f/1.8 DI VC USD, 1/200 sek., /f/2.8, ISO 800)

Methode 3: Bewegung einfrieren. Dabei geht es nicht um eine kurze Verschlusszeit, um eine schnelle Bewegung einzufrieren, sondern entweder um eine lange Verschlusszeit, so dass ein verwischtes Foto zu einer abstrakten Darstellung führt. Oder andersherum: Der Effekt lässt sich auch erreichen, wenn es gar keine Bewegung seitens des Fotoobjektes gibt, sondern der Fotograf bei stehendem Objekt seine Kamera entsprechend schwenkt.

Hier diente die Berliner U-Bahn als Hilfsmittel für eine verwischte, eingefangenen Bewegung mit farblichem Kontrast. (Foto: mm / Canon EOS 5D Mark IV, EF24-70mm f4L IS USM, 1/5 sek./ f 4.0, ISO 100)

Methode 4: Durch etwas wie ein Filter hindurch fotografieren. Natürlich kann man mit Foto-Bearbeitungssoftware alles Mögliche mit Fotos bewerkstelligen. Programme wie Photoshop, Gimp oder ACDSee kommen schon von Hause aus mit entsprechenden Filtern, um Fotos bearbeiten bzw. verfremden zu können. Auch bei sozialen Medien wie Instagram werden Filter zur Verfremdung von Fotos angeboten. Uns geht es hier aber um das rein fotografische Element. Das würde bei dieser Methode bedeuten, dass man durch etwas hindurch fotografiert, das das Foto im Vergleich zur Wirklichkeit von Anfang an verändert oder Aspekte zutage bringt, die man sonst nicht so leicht sieht. Man könnte z.B. durch eine Sonnenbrille hindurch fotografieren oder eine verregnete Fensterscheibe, eine halbdurchlässige farbige Folie, die Scheibe einer Mikrowelle usw.

Stille Unterwasserwelt mit Muschel? Es ist ganz schlicht ein farbiger Bleistiftspitzer mit etwas Inhalt.
(Foto:mm / Canon EOS R5, EF 100mm f/2.8L IS USM, 2,5 sek, f/11, ISO 400)

Methode 5: Reflektionen nutzen.

Die Spiegelung des Himmels auf einer kaum bewegten Wasseroberfläche oder Gebäudeteile in den Glasplatten der Fassade eines Hochhauses bieten mitunter interessante Verfremdungen der Wirklichkeit. Manchmal sind die Spiegelungen eine fast komplette Wiedergabe des Objektes, aber manchmal braucht es auch etwas Fantasie, um dahinterzukommen, was das Original wohl war, das sich auf dem Foto nur als Reflektion von etwas anderem findet. Empfehlung: Einfach mal die verschiedenen Methoden ausprobieren!

(Foto: mm / Canon EOS R5, RF 70-200mm2.8L IS USM, 1/400 sek, f/9.0, ISO 125)

Welches ist die beste Kamera?

Spiegelung vor Pellworm
Spiegelung vor Pellworm, Schleswig-Holstein | Canon EOS M50, 1/400 sek, f/ 8.0, ISO 100, EF-M 15-45, 16mm

In diesen Wochen ist zumindest in der „oberen“ Klasse von Kameras eine Art Revolution im Gange. Der von manchen als „schlafender Riese“ bezeichnete Hersteller Canon „wacht auf“ und hält seit Monaten mit Ankündigungen die interessierte Öffentlichkeit in Spannung. Jetzt tauchen erste Fotos und Videos mit den neuen spiegellosen Vollformatern von Canon auf. Prompt meldet sich Konkurrent Sony mit der lange erwarteten A7 SIII zurück, auch LEICA meldet eine neue Kamera usw.

Aber völlig egal, welche Abbildungsschärfe und welches Rauschverhalten die neuen Kameras haben – es bleibt bei der alten Regel: Die beste Kamera ist die, die man mit hat. Und da kommt es nicht in erster Linie auf die schnelle Bildfolge oder die Zoomleistung des Objektivs an, sondern schlichtweg auf das Vorhandensein. Ich kann von der schönsten Kamera träumen oder das Technikwunder sogar besitzen – solange ich sie nicht dabei habe, werde ich kein Foto machen können.

Und natürlich braucht es auch wenig Geschick, Gespür für den Moment, Verständnis für Bildgestaltung – selbst für Fotos mit dem Handy. Denn in gewissen Grenzen halten auch Handys mit „echten“ Kameras durchaus mit – zum Leidwesen der Kamerahersteller. Für uns als Anwender bleibt der einfache Appell: Mit wachen Augen durchs Leben gehen, die wertvollen fotografisch Momente festhalten und sich dran freuen.